TW: institutionelle Gewalt, Psychiatrie/Psychotherapie, Essstörung/Anorexia nervosa, Zwangsstörung, Suizidgedanken, Traumata
gefangen
Juli 2015:
13 Jahre, 1,58 Meter, 52 Kilogramm.
Es war Sommerferienzeit
und Leere machte sich breit
in mir. Seit Jahren rannte
ich Erwartungen hinterher
und in mir pochte
ein Druck, den niemand kannte.
Denn ich versuchte, stark zu sein,
sagte viel zu selten Nein,
versuchte immer, stark zu sein,
und fraß alles, was wehtat, in mich hinein,
fraß Ängste, Sehnsucht und Einsamkeit,
bis sich plötzlich ein Weg auftat,
der mir ein neues Leben versprach.
Mai 2016:
14 Jahre, 1,59 Meter, 47 Kilogramm.
Inzwischen war ich Meisterin darin,
Mahlzeiten zu umgehen
und mich stattdessen
sattzusehen an Lebensmitteln,
die für mich verboten waren,
weil ich keine Kalorie
mehr dem Zufall überließ
und über meine Nahrungsaufnahme
allein die Waage entschied.
Von morgens bis abends
kämpfte ich mit Zahlen,
sah Spiegelbilder, die es nie gab,
lief durch den Supermarkt,
ohne mir etwas zu kaufen,
und kochte für andere,
ohne selbst davon zu kosten.
Ich versteckte meine Hände
vor Dreck und Keimen,
um dann wenig später trotzdem
minutenlang am Waschbecken zu stehen,
aus Angst, sonst zuzunehmen,
aus Angst, sonst krank zu werden,
aus Angst, sonst zu sterben.
Ich wollte die volle Kontrolle,
einmal im Leben die volle Kontrolle,
und daran änderte auch
die Diagnose nichts,
die mich ohnehin nur
in eine Schublade schmiss.
Juni 2017:
15 Jahre, 1,60 Meter, 42 Kilogramm.
Ich hatte die tödlichste
aller psychischen Erkrankungen
und das spürte ich.
Ich spürte es täglich
an meinem leichenblassen Gesicht,
an den Wassereinlagerungen in meinen Beinen,
an meiner ausbleibenden Regelblutung,
an meinem äußerst bescheidenen Blutdruck,
an meinen ausfallenden Haaren,
daran, dass ich Schmerzen und blaue Flecken bekam,
wenn ich länger als zehn Minuten auf einem Stuhl saß,
und daran, dass mir immer noch kalt war,
wenn ich mit Bademantel und Wärmekissen die Heizung umschlang.
Ich verbrachte jeden Tag
mehrere Stunden im Bad,
duschte, bis ich nicht mehr stehen konnte,
und wusch mir die Hände, bis sie aufrissen,
wusch mir die Hände, bis sie bluteten,
wusch mir die Hände, bis die Handcreme wie Feuer brannte.
Doch dann kam der Tag,
der alles veränderte.
Am Morgen wollte mein Vater
mich zur Schule fahren,
damit ich mich nicht wieder verspäte,
wie so oft in den letzten Tagen,
und ich konnte die Verzweiflung
in seinen Augen sehen,
als er ohne ein Wort
an der Schule vorbeifuhr.
Am Abend lag ich in einem Klinikbett
auf einer geschlossenen Station
und starrte durch die Gitter
vor dem Fenster.
Ich wollte dort nicht sein,
doch ich wusste,
dass ich musste.
Also begann ich,
den Menschen dort zu vertrauen,
weil ich glaubte,
ich wäre an einem sicheren Ort.
Doch das war kein sicherer Ort,
nein, das war ein Ort der Angst,
wo alles hinter verschlossenen Türen geschah
und ich ihnen schutzlos ausgeliefert war,
ihnen, die es liebten,
mit ihrer Macht zu spielen.
So steckten sie mich in ein Einzelzimmer,
das direkt neben ihrem lag,
um mich im Blick zu haben,
wie sie immer sagten,
obwohl sie wussten,
dass die Einsamkeit
meine beste Feindin war.
Eine Zeit lang musste ich allein
auf meinem Zimmer essen,
wenn ich auch nur eine Sekunde
zu spät am Esstisch saß.
Einmal wurde ich aus der Dusche gezogen,
weil ich über der Zeit war,
einmal wurde ich vom Waschbecken gerissen,
obwohl meine Hände noch voller Seife waren,
einmal wurde versucht,
die Toilettentür von außen zu öffnen,
während ich auf der Toilette saß,
und einmal sagte eine,
dass sie froh sei,
bald Urlaub zu haben,
weil sie eine Pause
von mir brauche.
Irgendwann bekam ich dann
einen Stufenplan,
einen Plan, der mein Leben
in 13 Gewichtsstufen teilte.
Fortan wurde jedes Gramm
zum Freiheitskampf.
Ich musste es mir eressen,
duschen zu dürfen,
musste es mir eressen,
auf die Toilette gehen zu dürfen,
musste es mir eressen,
Kontakt zu meinen Eltern haben zu dürfen,
musste es mir eressen,
mein Handy nutzen zu dürfen,
musste es mir eressen,
an Therapien teilnehmen zu dürfen,
musste es mir eressen,
mich eine halbe Stunde am Tag frei auf dem Klinikgelände bewegen zu dürfen,
musste es mir eressen,
am Wochenende nach Hause zu dürfen,
und selbst meine Sachen
musste ich mir eressen.
Dieser Plan bestrafte mich dafür,
dass ich krank war,
und die Höchststrafe,
ihr Ass im Ärmel,
war Stufe -1.
Bei jedem Wiegen
zitterten mir die Knie
und eines Morgens
überschritt ich die Linie.
Unter Tränen flehte ich sie an,
mir das nicht anzutun,
doch mein Flehen war vergeblich.
Kurz darauf sperrten sie mich
in einen Raum,
der nicht größer war
als acht Quadratmeter,
eine Woche lang.
In diesem Raum befanden sich
nur noch ein Bett und ein leerer Schrank,
ein Stuhl und ein Tisch.
Durch das riesengroße Sichtfenster
konnten sie mich jederzeit beobachten,
als wäre ich ein Museumsstück.
Ich musste auf meinem Zimmer essen,
mich waschen
und mir die Zähne putzen
und auch die Toilettengänge waren begrenzt,
weshalb mich ich täglich
in Krämpfen krümmte.
Einmal am Tag durfte ich mich
draußen auf dem Hof
auf eine Bank setzen,
15 Minuten lang.
Ansonsten war ich isoliert,
Gespräche und Therapien wurden mir verwehrt
und wenn ich am Fenster stand
und meine Eltern vorbeiliefen,
durften sie mir nicht einmal zuwinken.
Nur meinen MP3-Player,
auf dem ein paar wenige Songs waren,
und ein Buch, das mir meine Eltern geschenkt hatten,
durfte ich ab und zu bei mir haben.
Doch die meiste Zeit verbrachte ich damit,
die Uhr anzustarren
und die Sekunden zu zählen,
in der Hoffnung, dass sie dann schneller vergehen.
In dieser Woche
haben sie mich gebrochen,
doch das ließ sie völlig kalt.
Denn sie wollten nie,
dass ich heile,
und dort hinter den Fenstergittern
hatten sie mich in der Hand.
November 2017:
16 Jahre, 1,60 Meter, 47 Kilogramm.
Nach fünf Monaten wurde ich entlassen,
nach fünf Monaten war ich wieder frei,
doch schon in diesem Moment wusste ich,
das wird eine Entlassung auf Zeit.
Mai 2018:
16 Jahre, 1,60 Meter, 37 Kilogramm.
Mein Körper bestand
nur noch aus Knochen und Angst.
Hunger konnte ich nicht mehr spüren
und die Menschen, die ich liebte,
wollte ich nicht mehr berühren.
Also musste ich wieder in eine Klinik,
eine andere Klinik,
eine, die viel weiter weg war
von meinem Zuhause,
von meinen Eltern.
Wieder steckten sie mich in ein Einzelzimmer
und trösteten mich mit leeren Worten,
bis sie anfingen,
mir zu drohen,
meinen Eltern zu drohen,
und versuchten, einen Keil
zwischen uns zu treiben,
und irgendwann wollte ich nur noch weg,
wollte dort nicht mehr sein,
wollte so nicht mehr leben,
dieses Leben nicht mehr leben.
Doch nach dreieinhalb Monaten,
im letzten Augenblick,
holten meine Eltern mich aus der Klinik,
weil unser Band stärker war
als alles andere
und es bis heute ist.
„Ich glaube eh nicht,
dass Sie es schaffen werden“,
sagte eine zum Abschied,
und ich dachte nur:
Jetzt erst recht.
September 2018:
16 Jahre, 1,60 Meter, 46 Kilogramm.
Ich verbrachte freiwillig
noch eineinhalb Monate in der ersten Klinik.
Dann wurde ich
zu letzten Mal entlassen.
Mein Zuhause war mir fremd geworden
und in meinem Kopf rumorten
noch immer diese Gedanken,
bis ich eines Tages verstand,
dass nur ich allein
den ersten Schritt gehen kann.
September 2026:
24 Jahre, 1,62 Meter, 56 Kilogramm.
Ich wiege fast 20 Kilogramm mehr,
doch am schwersten wiegt mein Herz,
schwerer als je zuvor.
Ich weiß bis heute nicht,
wie mein Körper das damals
so lange ertragen konnte,
wie er mich so lange tragen konnte.
Meine Essstörung
wird immer in mir schwelen
und meine Zwangsstörung
wird mich immer quälen.
Die Klinikaufenthalte haben mich
vor dem sicheren Tod bewahrt
und gleichzeitig
haben sie einen Teil von mir
für immer zerstört.
Diese Traumata
begleiten mich jeden Tag
und schleichen sich jede Nacht
in meine Träume.
Denn die Angst von damals
ist die Angst von heute.
© Marie Marén Nitz | @dieschreibendeseele

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