zeichenderzeit

Liebe Grüße von der Freiheit:
Diese Welt dreht sich im Kreis,
doch den Menschen ist es gleich.
Sie schreiten durch die Weite
der Unverbindlichkeit.
Da ist alles ein Vielleicht,
manchmal auch ein Irgendwann.
Versprechen und Brechen
gehen heute Hand in Hand.
Und alles wird begleitet
von den Zweifeln unserer Zeit.

Nur welche Zeit
ist eigentlich „unsere Zeit“?
In unserer Zeit
hat doch kein Mensch mehr Zeit.
Keine Zeit für ein Lächeln,
keine Zeit für ein Gespräch,
keine Zeit, um zu verstehen,
keine Zeit, um zu genießen,
und erst recht keine Zeit für die Liebe.

Da ist weit und breit
keine Zeit.

Und gleichzeitig
ist da so viel Zeit.
So viel Zeit fürs Funktionieren,
so viel Zeit für all die Dinge,
die uns Zeit rauben
und denen wir das auch erlauben,
weil wir glauben,
dass in ihnen der Sinn liegt.

Auch ich kann ein Lied davon singen.
Vom zu frühen Weckerklingeln,
von To-Do-Bergen und Fear-of-Missing-Out-Tälern,
von Deadlines, die tatsächlich
zu Todeslinien werden,
und vom Hamsterrad,
in dem wir alle
langsam
sterben.

Dabei werden wir eh nicht alles lernen,
nicht jedes je geschriebene Buch lesen,
nicht jedes krasse Event besuchen,
nicht jedes Fleckchen dieser Erde bereisen,
nicht jedem Menschen reichen,
uns nicht immer richtig entscheiden
und auch nicht unendlich weit aufsteigen.
Denn Perfektion
ist eine Illusion.

Und ich will nicht mein ganzes Leben durch-
tak-tak-tak-takten müssen.
Überhaupt will ich weniger müssen müssen.
Ich will wieder ins Nichtstun kommen,
will mir so viel Zeit lassen dürfen
wie die Deutsche Bahn,
will warten
auf die nächste Welle,
den nächsten Windstoß,
die nächste warme Umarmung,
will meine Seele baumeln lassen,
taumeln lassen
und dabei schaukeln am Wasser,
will meine Gedanken schweifen lassen,
reifen lassen
und dabei schreiben auf der Terrasse,
will weinen und lachen
am Tag und in der Nacht,
bis mein Herz
wieder erwacht.

Doch das wäre nur ein Tropfen
auf den heißen Stein unserer Zeit.
Denn die ganze Menschheit
braucht mehr Zeit.
Mehr Zeit für Menschlichkeit,
mehr Zeit für gemeinsame Zeit,
mehr Zeit für die Natur
und ihre Schönheit
als für ewige Vergleiche,
mehr Zeit für kraftvolle Rhythmen
als für Algorithmen,
mehr Zeit für Worte, die fetzen,
als für Worte, die verletzen,
mehr Zeit für die Nachwelt
als für Macht und Geld
und vor allem mehr Zeit für die Liebe.

Auch „Höher, schneller, weiter!“
ist irgendwann vorbei.
Und am Ende wird uns bleiben
nur die leise
Einsamkeit.

© Marie Marén Nitz | @dieschreibendeseele

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