überbilderundvorbilder

In nicht einmal mehr 25 Jahren werde auch ich über diese sagenumwobene Grenze tänzeln.
Diese sagenumwobene Grenze, die mich von heute auf morgen in einen anderen Menschen verwandeln wird.
In nicht einmal mehr 25 Jahren werde auch ich sagen können, dass ich jetzt 47 Jahre alt bin.
Und dann werde ich hier stehen und mich fragen, welches Schicksal mich jetzt wohl erwartet.
Aber so viele Optionen gibt es da ja zum Glück gar nicht.
Die Prognosen sind da ja schon lange nicht mehr vage.
Im Vergleich dazu sind Wettervorhersagen ja die reinsten Orakel.
Dem Patriarchat sei Dank.
Wo wir doch sonst schon überall so viel Auswahl haben.
Und irgendeines dieser aufwändig ausstaffierten Klischeekostüme wird schon passen.
Und falls nicht, dann gibt es ja immer noch die gute alte Stereotypberatung.
Interessieren würde es mich allerdings schon, in welcher Schublade des gesellschaftlichen Klischeeschränkchens ich später wohl landen werde …
Werde ich die nette Oma von nebenan sein, die in ihrem Großmutter-Dasein endlich ihre wahre Bestimmung gefunden hat?
Werde ich die verlassene Ehefrau auf der Suche nach einem neuen Mann* sein, weil nur ein Mann* dem Leben einer Frau* einen Sinn geben kann?
Werde ich die ehrgeizige Kommissarin mit Hang zum Alleingang sein, deren gesamtes Privatleben auf einen Bierdeckel passt?
Werde ich die vergessliche alte Dame mit ständigem Harndrang sein, die ihre Freiheit einzig und allein einem diskreten Inkontinenzslip zu verdanken hat?
Werde ich das eifersüchtige Schwiegermonster aus dem Epizentrum der Intoleranz sein, das keine Intrige links liegen lässt?
Werde ich die rücksichtslose Chefin einer Bank sein, die wegen jeder Nichtigkeit ein Fass aufmacht und sich nie an die eigene Nase fasst?
Oder werde ich die ausrangierte Schauspielerin im Vorruhestand sein, deren Falten ihr am Ende leider zum Verhängnis geworden sind?
Okay, das war vorerst genug Ironie.
Die Dosis macht ja bekanntlich das Gift.
Natürlich interessiert es mich nicht die Bohne, welches dieser aufwändig ausstaffierten Klischeekostüme mir die Gesellschaft in nicht einmal mehr 25 Jahren wohl überstülpen wird.
Und warum, das wisst ihr spätestens nach den ersten 47 Sekunden eines Gesprächs mit einer der 21 Millionen Frauen* über 47 in Deutschland.
Denn diese 21 Millionen Frauen* sind bunt.
Sie sind geheimnisvoll und mutig.
Sind laut und rebellisch.
Sanft und klug.
Sie sind reich an krachendem Humor und unbändiger Kreativität.
Sind voller Lust und Leidenschaft.
Großartig eben.
Und vor allem haben sie so viel zu erzählen.
So viel Wunderbares, Verrücktes und Tiefgründiges.
Und sie wollen es erzählen.
Wenn ich dann jedoch für 47 Sekunden den Fernseher einschalte und dem, was ich da sehe, Glauben schenke, dann erwartet mich an meinem 47. Geburtstag genau die Klischeeparty, die ich eingangs so plastisch und mit letzter ironischer Kraft beschrieben habe.
Und auch wenn es geradezu schmerzhaft offensichtlich ist, dass die Film- und Fernsehwelt am Ende auch nur ein riesengroßes Miniaturpatriarchat ist, das vor toxischen Strukturen nur so strotzt und in dem der Male Gaze das Maß aller Dinge ist.
Das erklärt für mich immer noch nicht, warum uns Frauen* ständig solche Angst vor dem Alter gemacht wird.
Als wäre das Altern bei uns so ein Topping für die Bowl des Lebens, das wir auch einfach weglassen können, wenn es uns nicht schmeckt.
Oder besser noch: Als wäre das Altern bei uns wie Rauchen und die Klischeekritzeleien bei Frauen* ab 47 in Film und Fernsehen das Pendant zu diesen Schockbildern auf den Zigarettenpackungen.
Oder viel besser noch: Als wäre das Altern bei uns wie bei Hunden und Katzen und wir würden ab 47 immer gleich um ein Vielfaches an Jahren altern.
Absurd.
Dabei ist das Altern doch ein Teil des Lebens.
Ein Teil von uns allen.
Ein sehr wichtiger Teil sogar.
Es ist der Teil, der das Leben kostbar macht.
Der Teil, der uns zu dem macht, was wir sind.
Der Teil, der uns alle miteinander verbindet.
Also nochmal, was ist die Botschaft dahinter?
Warum wird Frauen* ab 47 in Film und Fernsehen das Gesicht genommen?
Warum werden ihre Geschichten unsichtbar gemacht?
Oft kommt ja an dieser Stelle das Argument, Frauen* ab 47 und ihre Geschichten wären nicht mehr „zielgruppenrelevant“.
Bitte?
Wie wollt ihr denn wissen, ob eure sogenannten Zielgruppen Frauen* ab 47 und ihre Lebensrealitäten sehen wollen, wenn ihr sie ihnen gar nicht erst zeigt?
Könnt ihr hellfernsehen, oder was?
Glaubt ihr euch das eigentlich selbst?
Oder wollt ihr es nur glauben?
Ich glaube es euch jedenfalls nicht.
Ich kann es euch gar nicht glauben.
Denn ich weiß, dass es da draußen unglaublich viele Menschen gibt, die genau diese Lebensrealitäten sehen wollen.
Menschen, die seit Jahren, ach, seit Jahrzehnten auf genau diese Geschichten und Rollen warten.
Auch wenn ihr das gern ignoriert.
Und selbst wenn das nicht die Mehrheit ist.
Müsst ihr wirklich immer alles durch die ökonomische Mangel drehen?
Wo bleibt denn da die Kunst?
Die Verantwortung?
Die Nähe?
Bedeutet das denn alles gar nichts mehr?
Aber lassen wir das mit dem Pathos.
Am Ende habt ihr doch eh einfach nur von der Gesellschaft abgeschrieben, habe ich recht?
Schließlich sind Frauen* ab 47 ja nicht nur nicht mehr „fernsehtauglich“.
Nein.
Ältere Frauen* spielen doch in allen Bereichen der Gesellschaft nur noch Nebenrollen.
Der Ageismus gegen Frauen* war doch schon immer eine der Paradedisziplinen des Patriarchats.
Und falls ihr euch zufällig schon die ganze Zeit gefragt habt, warum mich als junge Frau dieses Thema eigentlich so sehr beschäftigt – abgesehen davon, dass mich dieses Absurditätsspektakel in nicht einmal mehr 25 Jahren auch überrollen wird:
Ältere Frauen* waren für mich schon immer die größten Vorbilder.
Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.
Ohne sie macht das Leben für mich gar keinen Sinn.
Denn von ihnen habe ich gelernt, was im Leben wirklich wichtig ist.
Sie haben mich gerettet, als ich schon verloren schien.
Und sie haben mir gezeigt, wer ich eigentlich bin.
Weil sie Vorbilder sind.
Vorbilder.
Dieses Wort besteht zu zwei Dritteln aus dem Wort „Bilder“.
Also wie stellt ihr euch das vor?
Wie stellt ihr euch das vor, so ganz ohne Bilder?
Wie stellt ihr euch das vor, wenn ich ständig nur Frauen* in Filmen und Serien sehe, die kaum älter oder gar jünger sind als ich?
Wie soll mich das denn inspirieren?
Wie soll mich das denn abholen?
Soll es mir zeigen, was ich heute schon alles sein könnte, wenn ich nur ein bisschen mehr so wäre wie all diese jungen Frauenfiguren? Soll es mir zeigen, was ich damals alles verpasst habe, weil ich nie so war wie all diese jungen Frauenfiguren?
Das tut mir jetzt leid, euch das sagen zu müssen, aber mit dieser Strategie fahrt ihr eure Bemühungen um eine jüngere Zielgruppe echt mit 180 Sachen gegen die Wand.
Denn das, was wir sehen, prägt uns.
Doch im Moment fühlen wir uns zukunftstechnisch eher desillusioniert.
Und deshalb wollen wir eine Revolution.
Ja, genau, eine Revolution.
Das ist das Ding mit der Veränderung.
Wir wollen endlich Rollen und Bilder statt Rollenbilder.
Wir wollen das erste deutsche Fernsehen, das auch auf dem zweiten Blick noch ein Ort der Vielfalt ist.
Wir wollen uns mit komplexen Charakteren auseinandersetzen.
Wir wollen uns in bewegten Biografien verlieren.
Wir wollen uns in versteckten Facetten entdecken.
Wir wollen uns mit leuchtenden Frauen* identifizieren.
Wir wollen, dass das Klimakterium in Drehbüchern endlich kein Tabuthema mehr ist, sondern die ausgebuht werden, die es bewusst nicht thematisieren.
Wir wollen, dass es auch in der Film- und Fernsehwelt endlich mehr Frauen* gibt, die mit 47 Jahren oder später Mutter werden, als solche, die mit 15 Jahren oder früher ein Kind bekommen.
Wir wollen, dass die Kameras endlich zeigen, dass auch Frauen* jenseits der 47 noch ein Sexualleben haben und ihre Sexualität im Alter nicht selten auch noch einmal ganz neu erkunden.
Wir wollen, dass auch bei Frauen* jedes Alter gefeiert wird.
Wir wollen, dass auch bei Frauen* jeder Körper gefeiert wird.
Wir wollen, dass dieser verstaubte Haufen aus Klischees und Stereotypen endlich aufgeräumt wird.
Und vor allem wollen wir, dass keine Frau* in der Film- und Fernsehbranche mehr aufgrund ihres Alters in Grenzen gehalten wird.
So viel fürs Erste.
Wie ihr merkt, gibt es viel zu tun.
Also.
Lasst uns das Bild verändern.
Lasst uns neue Bilder malen.
Und lasst uns endlich diese alten patriarchalen Schalen knacken.
Vor und hinter der Kamera und – wenn wir schon dabei sind – auch außerhalb des Film- und Fernsehkosmos.

für die Kampagne „Let’s Change The Picture“ von Gesine Cukrowski und Palais F*luxx

© Marie Marén Nitz | @dieschreibendeseele

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