lebewesen

Sagt, ist Euch eigentlich schon einmal aufgefallen, dass dieses Wort nicht einfach nur ein Wort ist, sondern auch als Aufforderung verstanden werden kann? – „Lebe, Wesen!“, schreit es. „Lebe, Wesen!“, schreit es laut, schreit es täglich, schreit es allen Lebewesen zu und alle Lebewesen hören es. – Alle, bis auf eine einzige Spezies, deren Überlegenheitsgefühl sie seit jeher taub macht: der Mensch.

Mit seinem ersten Atemzug hat der Mensch eine breite Grenze zwischen sich und alle anderen Lebewesen gezogen, die nicht seiner Spezies angehören. Vermutlich wäre „Sterbewesen“ aber die passendere Bezeichnung für diese Wesen, für deren Ermordung der Mensch nicht einmal mehr eine Legitimation benötigt. Im Gegenteil: In seiner kleinen Blase glaubt er sogar, dass sein überhebliches Verhalten vollkommen normal sei, weil ihm die Führungsposition in der irdischen Biosphäre nun einmal von Natur aus zustände und er sich deshalb alles nehmen könne, was er wolle, einfach weil er es könne. Dabei kann der Mensch in Wahrheit nur den Gedanken nicht ertragen, dass er eben nichts Besonderes ist, sondern auch nur eine Art unter vielen. Deshalb denke ich, es ist an der Zeit, einmal einen kleinen Perspektivenwechsel anzustoßen. – Das soll ja manchmal wahre Wunder bewirken, habe ich gehört. – Bevor ich aber mit dem Anstoßen beginne, muss ich erstmal noch ein paar Dinge loswerden:

Um ehrlich zu sein, ich war mir unsicher, ob ich zu Beginn dieses Essays noch einmal bewusst darauf hinweisen sollte, dass ich vegan lebe. Denn für mich spielt das in keiner Zeile dieses Essays irgendeine Rolle. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass vielen Menschen schon in der bloßen Erwähnung des Wortes „vegan“ zu wenig tierische Produkte stecken und sie bereits dabei das erste Mal die Augen verdrehen. – Aber jetzt ist es eh zu spät. – Also, solltet ihr eine derartige Grundhaltung vertreten, dann könnt Ihr dieses Essay selbstverständlich jederzeit unauffällig überspringen oder, bei Bedarf, auch gleich den ersten Hasskommentar in die Kommentarspalte blasen.

Natürlich weiß ich, dass die meisten Menschen nicht gern über dieses Thema sprechen, weil es wie kaum ein anderes in ihre Komfortzone eintritt. Deshalb versuchen sie auf Familienfeiern oder ähnlichen Zusammenkünften auch gern, dieses Thema, mehr oder weniger – meist eher weniger –, geschickt zu umgehen, indem sie sich mit unverfänglich-ablenkenden Fragen wie „Was macht das Studium?“ oder – insbesondere bei den jeweiligen Gastgeber*innen sehr beliebt – „Möchte noch jemand ein Stück Kuchen?“ des in ihnen aufkommenden unangenehmen Gefühls entledigen. Ich weiß, dass viele Menschen nicht gern über dieses Thema sprechen, weil sie die Wahrheit so schrecklich finden, dass sie lieber weiter die Augen davor verschließen. Ich weiß, dass einige Menschen nicht gern über dieses Thema sprechen, weil sie sich nach wie vor keiner Schuld bewusst sind und deshalb gar keinen Sinn darin sehen, sich dieser Konfrontation überhaupt auszusetzen. Und ich weiß auch, dass einzelnen Menschen dieses Thema schlicht und einfach egal ist, weil ihre Empathie nicht einmal für die eigene Spezies reicht.

Ich bin mir sicher, dass die folgenden Zeilen vielen von Euch die Röte ins Gesicht treiben werden – ob aus Wut oder aus Scham oder aus Schuldgefühlen, das sei an dieser Stelle dahingestellt. Ich bin mir sicher, dass einige von Euch nach dem Lesen dieses Essays nie wieder einen Text von mir lesen werden wollen. Denn ja, dieses Essay ist provokant, dessen bin ich mir vollumfänglich bewusst. Und ich bin mir auch sicher, dass nur die wenigsten von Euch hiernach tatsächlich etwas in ihrem Leben verändern werden. Und trotzdem – oder sogar genau deswegen – werde ich das hier durchziehen, und zwar vom bitteren Anfang bis zum bitteren Ende, weil ich überzeugt davon bin, dass in uns allen das gleiche Herz schlägt.

Nun aber zum eingangs angekündigten Perspektivenwechsel: Stellt Euch vor, die Evolution des Menschen würde noch einmal einen gewaltigen Sprung machen und brächte eine neue Spezies der Gattung Homo hervor, die noch „höher“ entwickelt wäre als wir, womit wir für diese Spezies quasi das wären, was Tiere momentan für uns sind. Ab sofort würden nicht mehr wir den Planeten „beherrschen“, sondern diese Spezies. – Sobald Ihr Euch wirklich ernsthaft in diese Situation hineinversetzt habt, dürft Ihr weiterlesen.

Denn ich möchte Euch jetzt gern einmal einen kleinen Einblick in das Leben geben, das Euch im oben beschriebenen Fall erwarten würde, wenn diese neue, uns überlegene Spezies sich uns gegenüber genauso verhalten würde, wie sich der Mensch gerade allen anderen Spezies gegenüber verhält. Und das Ganze werde ich auch komplett ungeschönt tun, sodass sich das im Nachhinein zumindest niemand mehr schönreden kann. Und damit ich nicht die ganze Zeit „diese neue, uns überlegene Spezies“ schreiben muss, habe ich beschlossen, ihr einen Namen zu geben: Ich nenne sie den Homo inhumanus, den Unmenschen.

Also, zunächst einmal verlören wir ganz grundsätzlich fast alle unsere Rechte, weil wir unseren Willen, unsere Bedürfnisse und unsere Gefühle nicht in für die Unmenschen verständliche Worte fassen könnten. Und dann käme es natürlich darauf an, in welche Kategorie sie uns einordnen beziehungsweise in welche Kategorien sie uns aufteilen würden.

Am wahrscheinlichsten wäre, dass wir zu einfachen „Nutzmenschen“ würden. Konkret würde das bedeuten, dass die Unmenschen uns auf engstem Raum zusammengepfercht und ohne viel Luft zum Atmen einsperren würden, wodurch das Bild um uns herum von da an jeden Tag dasselbe wäre. Den Himmel bekämen die allermeisten von uns in ihrem Leben nicht mehr zu Gesicht, geschweige denn die Natur. Daraufhin begännen die Unmenschen, uns – ganz legal – systematisch auszubeuten und nahezu restlos zu entwürdigen, um möglichst viel an uns verdienen zu können. Viele von uns würden sie hinter verschlossenen Türen quälen, mitunter auch aus purem Vergnügen – natürlich ohne Konsequenzen für sie. Außerdem würden sie uns bis zum Anschlag und ohne Rücksicht auf Verluste prophylaktisch mit den verschiedensten Antibiotika und anderen unseren wirtschaftlichen Ertrag steigernden Mitteln vollstopfen, weil wir für sie nur noch den Status einer Ware hätten und demnach mit leblosen Dingen wie einer Zahnbürste oder einem Kugelschreiber auf einer Stufe stünden. Die Gebärfähigen unter uns würden die Unmenschen als Gebärmaschinen nutzen, wobei sie uns unsere Kinder aber direkt nach der Geburt wieder wegnähmen, um uns die eigentlich für unsere Kinder bestimmte Muttermilch zu rauben, indem sie uns eine schwere Maschine an unsere Brüste hängen würden, wobei Letztere durch die Geldgier der Unmenschen bereits so überdimensional groß geworden wären, dass sich die Gebärfähigen unter uns damit außerhalb der Abpumpvorgänge kaum noch fortbewegen könnten. Unsere Nachkommen, also zumindest die gebärfähigen, würden die Unmenschen überwiegend am Leben lassen. Unsere nicht gebärfähigen Nachkommen hingehen hätten es da schon schwieriger und die meisten von ihnen würden höchstwahrscheinlich nicht über ihre ersten Lebenstage hinauskommen, da sie für die Unmenschen schlichtweg unrentabel wären. In jedem Fall hätten wir alle aber nur den Bruchteil unserer eigentlichen Lebenserwartung zu erwarten, weil es sich für die Unmenschen ansonsten nicht rechnen würde. Es würde also unweigerlich auf eine frühzeitige Tötung hinauslaufen. Verwenden würden die Unmenschen dann unter anderem unser Fleisch und unsere Haut, am liebsten aber unser Fleisch, welches sie äßen, weil sie glauben würden, sie würden die Nährstoffe darin brauchen, obwohl sie ihren Bedarf auch mit pflanzlichen Produkten decken könnten. Doch auch zu bestimmten Anlässen oder Festen wären wir das kulinarische Highlight, weil es nun einmal zu ihrer Tradition gehören würde oder sie es einfach lecker fänden. Aus unserer Haut würden sie verschiedene Produkte anfertigen, beispielsweise Handtaschen oder Kleidung. Unsere Tötung an sich fände in einer der dafür vorgesehenen Tötungsanstalten statt, würde allerdings in den meisten Fällen nicht kurz und schmerzlos ablaufen, sondern wir müssten uns auch hierbei auf Höllenqualen einstellen. Um uns von unseren Behausungen zu den Tötungsanstalten zu transportieren, würden uns die Unmenschen oft über mehrere Stunden in enge und stickige Anhänger ohne Fenster drängen – natürlich auch ohne Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr. Den Widerwilligen unter uns, also denjenigen, die nicht freiwillig einsteigen wollen würden, bänden die Unmenschen übrigens meist einfach ein Seil um einen ihrer Füße und zögen sie daran dann mehrere Meter nach oben, um sie so in die Anhänger zu hieven. Aufgrund der beschriebenen Praktiken stürben einige von uns auch bereits während oder sogar schon vor der Fahrt.

Wenn wir uns nicht so leicht einsperren lassen würden, könnten uns die Unmenschen aber auch erst einmal die „Freiheit“ schenken, um uns dann im Nachhinein zu „Jagdmenschen“ erklären zu können. Dann dürften sie uns erschießen oder mithilfe verschiedener Lebend- oder Totschlagfallen einfangen oder mit noch anderen Methoden umbringen, wenn wir uns in ihren Augen zu stark vermehren würden oder ihnen zu nahe kämen, also in ihren Lebensraum eindrängen, wobei sie zuvor allerdings bereits einen Großteil unseres Lebensraumes für sich beansprucht hätten. Die Unmenschen könnten uns aber auch einfach jagen, weil sie Spaß daran hätten oder lediglich an einem ganz bestimmten Körperteil von uns interessiert wären, weil es besonders wertvoll wäre. Leider wären jedoch sowohl die Jagdgewehre als auch die besagten Fallen nicht besonders zuverlässig, weshalb es durchaus vorkommen könnte, dass wir tagelang mit heraushängenden Innereien, abgetrennten Gliedmaßen, Trümmerbrüchen oder zerquetschten Körperteilen herumlaufen müssten, bis wir dann irgendwann tot umfallen würden. Eine weitere Alternative, uns zu jagen, wäre das sogenannte Angeln. Dabei würden die Unmenschen einen kleinen Metallhaken an einer Schnur befestigen und diese wiederum an einer Metallstange. Anschließend würden sie ein Stückchen Schokolade oder ein Gummibärchen oder etwas Vergleichbares an den Haken hängen, um uns damit zu ködern. Wenn wir dann anbeißen würden, würde sich jener Haken durch unsere Unterlippen bohren und die Unmenschen könnten uns daran hinaufziehen und uns – je nach Belieben – noch eine Weile in der Luft zappeln lassen. Dann müssten sie uns nur noch unter Wasser drücken, bis wir keine Luft mehr bekämen, oder uns einfach direkt mit ein paar gezielten Schlägen auf den Kopf den Rest geben.

Um uns aus ihrem eroberten Lebensraum zu verdrängen und gleichzeitig Profit daraus zu schlagen, müssten sich die Unmenschen jedoch nicht zwingend die Mühe machen, uns umzubringen. Sie hätten auch die Möglichkeit, uns unter dem Vorwand der Arterhaltung als „Zoomenschen“ auf – im Verhältnis zur freien Natur – sehr kleiner Fläche in sogenannten Menschenparks festzuhalten. Je nach Größe der verschiedenen Gehege wären wir von einem oder ein paar mehr anderen Menschen umgeben, die in einem oder mehreren Merkmalen mit uns übereinstimmen. Einen persönlichen Rückzugsort hätten wir dort dementsprechend meist eher nicht. Unser jeweiliges Gehege dürften wir von diesem Tag an selbstverständlich auch nicht mehr verlassen, geschweige denn uns untereinander besuchen. Das wäre nur in absoluten Ausnahmefällen möglich, aber ansonsten verbrächten wir dort den Rest unseres Lebens. Immerhin kämen jeden Tag Hunderte von Unmenschen in die Menschenparks, allerdings nicht, um uns zu besuchen, sondern um uns aus sicherer Entfernung oder gar durch eine Glasscheibe zu beobachten, zu fotografieren oder zu filmen – beim Essen zum Beispiel oder beim Schlafen.

Ganz besonders unangenehm würde es auch dann für uns, wenn die Unmenschen eine sehr wissbegierige und fortschrittliche Spezies wäre. Denn dann könnten sie uns auch als „Versuchsmenschen“ missbrauchen. Sie würden also Experimente an uns durchführen, deren Ausgang natürlich jedes Mal völlig ungewiss wäre. Nur qualvoll wären sie definitiv immer. Das Ziel dieser Versuche, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu erzielen, würden die Unmenschen in vielen Fällen jedoch gar nicht erreichen, da Menschenversuche für sie nur einen geringen wissenschaftlichen Nutzen hätten, eben weil sie eine andere Spezies wären und ihre Körper demnach oft ganz anders auf die Interventionen reagieren würden als unsere.

Eine etwas bessere Prognose hätten wir, wenn uns die Unmenschen in die Kategorien „Sportmenschen“ oder „Zirkusmenschen“ stecken würden. In beiden Fällen zwängen sie uns zwar zu teilweise unnatürlichen Leistungen beziehungsweise würden uns abstruse Kunststücke einbläuen, mit denen wir dann regelmäßig bei Wettkämpfen antreten beziehungsweise im Zirkus auftreten müssten. Doch immerhin dürften wir leben (also, meistens jedenfalls) und als „Sportmenschen“ hätten wir ab und an sogar etwas Auslauf und bekämen hin und wieder eventuell sogar eine Auszeichnung. – Ja, okay, falls wir nicht gehorchen oder uns gar weigern würden, gäbe es für die Unmenschen auch verschiedene Wege, uns (wieder) gefügig zu machen, mit einer Peitsche zum Beispiel. Aber das hätten wir ja dann „selbst“ in der Hand.

Vielleicht hätten wir aber auch einfach alle Glück und die Unmenschen würden uns als „Hausmenschen“ bei sich zu Hause aufnehmen, sich (meist) rührend um uns kümmern und womöglich sogar mit uns Gassi gehen – also, angeleint, versteht sich, und auch nur dann, wenn sie uns generell für „gassifähig“ befänden und keine Angst haben müssten, dass wir ihnen ausbüxen.

Unter Umständen würde den Unmenschen aber auch noch eine ganz andere Schublade einfallen, in der sie uns abladen könnten. Doch egal, welche das letztendlich wäre, wir müssten in jedem Fall damit rechnen, dass der Mensch infolge all dieser Misshandlungen, der Zerstörung seines Lebensraumes, der Nichtachtung seiner Rechte sowie des fehlenden Schuldbewusstseins des Unmenschen nach und nach ausstürbe.

Und jetzt die obligatorische Suggestivfrage: Fändet Ihr ein solches Leben lebenswert? – Ich denke, ich muss Euch nicht sagen, dass in Wirklichkeit wir die Unmenschen sind und wir von Glück reden können, dass dieser Perspektivenwechsel hier „nur“ ein Gedankenspiel war.

Sagt, wusstet Ihr eigentlich, dass laut der biologischen Evolutionstheorie alle Lebewesen ihren Ursprung im Wasser haben und sich, vereinfacht gesagt, auseinander entwickelt haben? – Ohne die anderen Lebewesen auf diesem Planeten gäbe es uns so also gar nicht. Ihnen haben wir unser Leben zu verdanken. – Und trotzdem: Die Frage, ob Euch ein kurzzeitiger und vergänglicher Genuss wirklich wichtiger ist als ein langes und vor allem glückliches Leben eines anderen, gleichwertigen Lebewesens, das muss am Ende jede*r Einzelne von Euch für sich selbst beantworten.

Was ich mich allerdings immer wieder frage und worauf ich auch bis heute noch keine adäquate Antwort gehört oder gelesen habe, ist, wie ein so großer Teil der Menschheit es schafft, die Tötung beziehungsweise die Ausbeutung anderer Lebewesen jeden Tag völlig auszublenden. Insbesondere bei Festen wie Weihnachten ist mir das jedes Mal ein Rätsel. – Ich meine, wie paradox ist es bitte, die Geburt eines, für einige ja sogar sehr besonderen, Lebewesens zu feiern, gleichzeitig aber ein totes oder sogar mehrere tote Lebewesen direkt vor der Nase liegen zu haben? Also, abgesehen davon, dass Weihnachten ohnehin schon vor geraumer Zeit von einem besinnlichen Familienfest zum Inbegriff der modernen Konsumgesellschaft mutiert ist, sollte an diesen Tagen doch eigentlich nur ein einziges Geschenk unter dem Baum liegen, und zwar die Liebe, oder nicht? – Und so könnte ich jetzt noch viel mehr Feste und auch andere Anlässe aufzählen, deren typische Köstlichkeiten ihnen einen sehr bitteren Beigeschmack verleihen und ihnen, in meinen Augen, auch ihren Zauber rauben. Denn kein Fest und kein Anlass der Welt rechtfertigt für mich die Beendigung eines unschuldigen Lebens, erst recht nicht die simple Lust, die Macht der Gewohnheit oder die oberflächliche Ausrede, dass es ja ohnehin keinen Unterschied machen würde, ob nun ein Mensch mehr oder weniger tierleidfrei isst beziehungsweise lebt.

Das Problem ist, dass uns Menschen ja von Anfang an beigebracht wird, dass dieser Umgang mit unseren Mitlebewesen völlig „normal“ sei. Doch das ist er nicht und von allein kommt ein Mensch auch nicht auf dieses unbändige Verlangen nach Fleisch beziehungsweise generell nach tierischen Produkten. Das ist ein bisschen wie bei einem Suchtmittel: Hat mensch einmal angefangen, kann mensch nicht mehr oder nur schwer wieder aufhören. Und je länger mensch es machst, desto schwieriger wird das Aufhören. Der Mensch ist und bleibt eben ein Gewohnheitstier (übrigens ein sehr schönes Wortspiel in diesem Zusammenhang, wie ich finde) und die Tatsache, dass die meisten von uns tierische Produkte quasi schon mit in die Wiege gelegt bekommen, macht die ganze Sache nicht gerade leichter. Denn nur die allerwenigsten schaffen es, Dinge, die sie aus ihrer Kinderstube mitbringen, grundsätzlich infrage zu stellen und dann am Ende auch noch genau das Gegenteil davon zu tun.

So, Ihr habt es geschafft. – Wobei sich diese Aussage jetzt ausschließlich auf das Überleben meines Essays bezieht. – Was Ihr letztendlich daraus macht, das ist ganz allein Eure Entscheidung. Aber eines kann ich Euch mit Sicherheit sagen: Wenn Ihr das nächste Mal Eure Rechte einfordert, wenn Ihr Euch das nächste Mal ein Schweineschnitzel, ein Käsebrötchen oder ein Frühstücksei auf den Teller packt, eine Geldbörse aus Rindsleder in den Händen haltet, einen echten Pelzmantel tragt oder Euch im Winter dicke Socken aus Schafwolle über Eure kalten Füße zieht, wenn Ihr das nächste Mal jemanden auf die Jagd oder zum Angeln begleitet oder Euch sogar selbst auf die Lauer legt, wenn Ihr das nächste Mal in den Zoo geht, wenn Ihr Euch das nächste Mal eine Creme auf die Haut schmiert, die an Tieren getestet wurde, wenn Ihr das nächste Mal einem Pferderennen oder einer Zirkusvorstellung beiwohnt, wenn Ihr das nächste Mal Eure Fische im winzigen Aquarium, Eure Vögel in der flachen Zimmervoliere oder Eure Kaninchen im engen Stall füttert und wenn Ihr das nächste Mal hört, dass eine weitere Tierart ausgestorben ist, dann wird es Euch verdammt schwerfallen, zu ignorieren, dass auch ihr Tiere seid und dass der Mensch eben nicht die Krone der Schöpfung ist, sondern lediglich das vorläufige Endergebnis eines sehr langen Evolutionsprozesses.

Und ich werde nicht aufhören, dafür zu kämpfen, dass endlich alle Lebewesen auch wirklich leben dürfen und dieses Wort nicht länger nur einen Auswuchs des menschlichen Kategorisierungszwanges darstellt.

© Marie Marén Nitz | @dieschreibendeseele

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