immerwennesregnet
Immer wenn es regnet,
muss ich daran denken,
wie sie uns begegnet,
kann mich nicht ablenken,
entwürdigt und entrechtet,
so kämpft sie jeden Tag,
entmutigt und entkräftet,
so unvorstellbar stark,
so unbeschreiblich schön.
Immer wenn es regnet,
muss ich daran denken,
wie ihr ihr begegnet,
kann mich nicht ablenken,
kann nur daran denken,
wie ihr euch ständig
über Kleinigkeiten streitet,
wie ihr regelmäßig
auf Bequemlichkeiten reitet,
wie ihr euren Genuss
für das Maß aller Dinge haltet,
wie ihr euren Einfluss
an eurer Verantwortung spaltet,
wie ihr so laut seid,
dass euch verborgen bleibt,
dass sie bereits
vor Schmerzen schreit.
Doch werdet ihr es
niemals schaffen,
sie zu entwaffnen,
sie zu entmachten.
Manchmal wenn es regnet,
kommt ein Gewitter näher
und dann sehe ich die Blitze,
wie sie für einen winzigen Augenblick
das Landschaftsbild löschen,
und dann höre ich den Donner,
dieses Machtwort des Himmels,
der Kraftort meiner Seele.
Federleicht und tonnenschwer,
so rauscht dann das Tränenmeer,
sorgenvoll und ausdrucksleer,
so lausche ich dann dem Himmelsgeflüster,
dem leisen Klopfen
der unzähligen Tropfen,
die wie Geschwister
gegen mein Fenster prallen,
ihre Fäuste ballen,
zusammen abperlen,
zu einer Einheit werden
und ein gemeinsames Ziel verfolgen,
obwohl jeder einzelne Tropfen
einzigartig ist – wie wir Menschen.
Manchmal wenn es regnet,
frage ich mich,
ob es überhaupt sinnvoll ist,
dass ich noch Pläne mache,
dass ich noch Träume habe,
dass ich noch Hoffnung spüre,
und in diesen Momenten
wünschte ich,
ich wäre auch so ein
kleiner Regentropfen.
Dann wäre ich nie allein,
könnte alles sein,
all die schlechten Gedanken
einfach im Himmel lassen,
bevor ich mich auf meinen Weg
Richtung Erde mache.
Unter Regentropfen
gibt es auch bestimmt
keine Ignoranz und keine Einsamkeit,
keine Armut und keine Ungerechtigkeit,
keinen Druck und keine Diskriminierung,
keinen Hass und keine Zerstörung,
keine Gewalt und keinen Krieg –
einzig Liebe und Musik.
Manchmal wenn es regnet,
zweifle ich daran,
dass ihr jemals aufhören werdet,
in Sorglosigkeit zu verharren,
noch mehr Löcher
in die Ozonschicht zu starren,
euch mit Trotz einzuseifen
und in Unschuld zu baden,
ich zweifle daran,
dass ihr jemals anfangen werdet,
eure Gleichgültigkeit abzustreifen,
eure Engstirnigkeit abzuschleifen,
eurem steifen Alltag
Einhalt zu gebieten
und eines zu begreifen:
Nur sie allein entscheidet,
wann wir gehen,
wann wir das alles hier
zum letzten Mal sehen,
denn sie leidet.
Wir müssen ihr
endlich Ruhe gönnen,
solange wir
noch atmen können.
Immer wenn es regnet
muss ich daran denken,
wie sie uns begegnet,
kann mich nicht ablenken,
will mein ganzes Leben
in ihre sanften Hände legen,
will mich mit ihr bewegen –
ja, so nah komme ich ihr nur
im strömenden Regen.
für unsere Natur
(in Anlehnung an den Song „A-N-N-A“ von Freundeskreis aus dem Jahr 1997)
© Marie Marén Nitz | @dieschreibendeseele

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