aufdenkopfgestellt

Schon damals in der Schule stand ich im Kontrast
zu allen, habe nicht gepasst,
war der unsichtbare Gast
in diesem Leben, wurde zusammengefasst
als „Streberin“, die ich nie war.
Ich war einfach nur da,
war immer da,
war so, wie ich war –
für viele ganz brauchbar,
für alle unkaputtbar.

Von Jungs wollte ich nichts wissen
und ich wollte sie auch nicht küssen,
wollte nicht feiern,
wollte nicht saufen
und ich wollte auch nichts rauchen,
weil Gras für mich auf Wiesen wuchs
und ich einfach nur darin liegen wollte.
Ich habe viel zu viel gelernt
und mich gedanklich oft entfernt,
habe kaum eine Schulstunde verpasst
und im Unterricht auch meist aufgepasst,
bis gute Noten
zur Erwartung wurden,
habe selten Hausaufgaben vergessen
und gern in der ersten Reihe gesessen,
um dem Klassenlärm zu entgehen
und die Lehrenden zu verstehen
und ein bisschen auch um nicht sehen
zu müssen, wie sie hinter meinem Rücken
leise über mich sprachen, sie,
die ich trotzdem ständig abschreiben ließ.

Und dennoch blieben
nach dem Unterricht
immer nur die Lehrenden
und ich.
Und immer wieder sang Echosmith:
„I wish that I could be like the cool kids
‘Cause all the cool kids, they seem to fit in“.
Und immer wieder sang ich mit
und schrie in mich hinein,
ich sang mit
und sah mich im Spiegel an,
sah darin meinen Feind,
kämpfte gegen ihn an
und wahrte den Schein,
bis mein Leben irgendwann
auf Halbmast hing.

Und fast wäre ich versunken
in dieser Dunkelheit,
hätte mich nicht
in letzter Sekunde
dieses Licht befreit.

Und heute? –
Heute rede und lache und schreibe ich zu laut,
an den falschen Stellen und zu oft natürlich auch.
Ich denke und fühle zu schnell und zu viel
und mein Selbstvertrauen ist ihr liebstes Spiel.
Auf der Arbeit bin ich immer nur die, die studiert
und sich für Frauen interessiert,
bin zu jung und zu bunt und zu unerfahren
und doch frage ich zu viele Fragen.
Ich werde schief angeschaut,
weil ich immer noch nicht saufe
und immer noch nichts rauche,
und wenn ich es dann auch noch wage,
Nein zum Kaffee zu sagen,
und zugebe,
dass ich vegan lebe
und sogar Krabbeltiere liebe,
dass ich mich an Geschwindigkeitsbegrenzungen halte
und auf der Autobahn nicht bis ins Unendliche schalte,
dass ich auf öffentlich-rechtliches Fernsehen stehe
und auf Netflix und Co. nicht viel gebe,
dann fragen sie sich ernsthaft,
wie ich es bis hierher geschafft habe.

Und jedes Mal,
wenn sie wieder meinen,
ich würde übertreiben,
wenn ich freundlich darauf hinweise,
dass wir immer noch das Patriarchat polieren,
dann frage ich mich,
wann sie endlich kapieren,
dass ich kein „Weib“ bin,
sondern höchstens einen Vibe habe,
dass ich angesichts der Geschlechterverteilung
in Führungspositionen nur noch schreien könnte,
dass über meinen nächtlichen Heimweg
nicht mein Geschlecht entscheiden sollte,
dass mir mein heiß geliebtes Bügeleisen
nicht in die Wiege gelegt wurde,
dass mein Lesbischsein
keine „Verschwendung“ ist,
dass ich es leid bin, in der Öffentlichkeit
von Männeraugen ausgezogen zu werden,
dass mir die Welt auch dann ein Rätsel bleiben wird,
wenn ein Mann sie mir erklärt,
dass wir Frauen nicht geboren sind,
um einander zu gleichen
und kranke Schönheitsideale zu erreichen,
und dass Männer viel öfter weinen sollten,
anstatt ihre Muskeln im Winter in ein T-Shirt zu kleiden
und mir dann zitternd weiszumachen,
ihnen sei nicht kalt.

Und jedes Mal,
wenn ein Mensch mir sagt,
er nimmt mich so, wie ich bin,
wenn er sagt,
er liebt mich und er bleibt für immer,
dann frage ich mich,
ob das auch wieder nur
ein Schimmer ist,
der bald erlischt.

für Rejanne†

© Marie Marén Nitz | @dieschreibendeseele

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